Testphase für e-Rezept geht gezwungenermaßen in die Verlängerung

E-Rezept

Es sollte längst Einzug in Apotheken, Arztpraxen und bei Krankenkassen gehalten haben, doch der Start des elektronischen Rezepts verzögert sich. Kurz vor Weihnachten kam die offizielle Information, dass die bundesweite Testphase verlängert wird.

„Das e-Rezept kommt!", heißt es auf der Internetseite des Bundesgesundheitsministeriums. „Wenn Sie Geld überweisen, füllen Sie dann noch einen Überweisungszettel aus und bringen ihn zur Bank? Warum bringen wir dann noch Papierrezepte zu unseren Apotheken? Damit die Behandlung mit Arzneimitteln sicherer wird, Abläufe in der Arztpraxis und der Apotheke vereinfacht werden und auch die Zettelwirtschaft im Gesundheitswesen aufhört, führen wir ab dem 1. Januar 2022 das E-Rezept ein", erklärt das BMG weiter. Aber: die Frist ist verstrichen und das e-Rezept weiterhin nicht in Sicht. Zur Erinnerung: Am 20. Oktober 2020 war das „Gesetz zum Schutz elektronischer Patientendaten in der Telematikinfrastruktur (Patientendaten-Schutz-Gesetz –PDSG)" in Kraft getreten. Dort ist die verpflichtende Einführung des e-Rezepts bei der Verordnung von verschreibungspflichtigen Arzneimitteln geregelt worden. Demnach sollte es in den meisten Arztpraxen, Krankenhäusern und Apotheken fristgerecht starten.

Es ist kurz vor Weihnachten, am 21. Dezember, als Realität wurde, was von vielen Seiten gefordert worden war: die flächendeckende Einführung des e-Rezepts zu verschieben. Die gematik, vom Bundesgesundheitsministerium beauftragt, die Telematikinfrastruktur als Datenautobahn im Gesundheitswesen umzusetzen, teilte mit: „Praxen, Apotheken, Krankenkassen und Softwareanbieter müssen noch mehr Erfahrung mit dem E-Rezept sammeln, um das System sicher umstellen zu können." Deshalb werde die bundesweite Testphase verlängert. Sie solle genutzt werden, „um die Anzahl der Teilnehmenden an den Tests zu erhöhen, Updates aufzuspielen, die nötige Software zu installieren, das Personal zu schulen und die Stabilität des Zusammenwirkens der einzelnen erforderlichen Komponenten intensiv zu prüfen." In diesem Zeitraum werde außerhalb der kontrollierten Testphase wie gewohnt das Muster 16-Formular, also der „rosa Zettel", genutzt.


Die gematik versicherte, die Testphase „weiterhin intensiv in Abstimmung mit allen beteiligten Akteuren" zu begleiten und zu unterstützen. Ihre Gesellschafter und die Öffentlichkeit wolle sie transparent zum aktuellen Stand der Einführung informieren. Ab Januar würden zudem die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) und die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) laufend Updates zum Ausstattungsgrad der Apotheken, Praxen und Krankenhäuser geben. „Mit der bundesweiten Öffnung der Testphase im Dezember 2021 sind alle Akteure gefordert, sich intensiv zu beteiligen. Alle Praxis- und Apothekenverwaltungssysteme sowie Krankenhausinformationssysteme müssen zügig die Testung aufnehmen. Alle Krankenkassen sind bereits in der Lage, E-Rezepte zu empfangen." Nur wenn die Testphase intensiv genutzt werde, könne das Digitalisierungsprojet „e-Rezept" gelingen.


Der Deutsche Apothekerverband (DAV) begrüßt die Verlängerung der Testphase, DAV-Vorsitzender Thomas Dittrich spricht von einem konsequenten Schritt: „Wir sind generell für das e-Rezept und seine zügige Einführung. Was die Anbindung an die Telematik-Infrastruktur angeht, sind die Apotheken auch längst e-Rezept-ready." Aber: „Betrachtet man den kompletten Prozess von der Verordnung über die Einlösung und Quittierung bis hin zur Abrechnung des e-Rezeptes, dann gibt es noch erhebliche technische Probleme." Diese sollten vor der Einführung behoben sein, sonst sei die Versorgungssicherheit der Patienten gefährdet. „Und die ist in der laufenden Pandemie doppelt wichtig." Eine Pflichteinführung des e-Rezeptes zum Jahreswechsel hätte laut Dittrich auch wirtschaftliche Risiken für die Apotheken mit sich gebracht. Denn es gebe Unstimmigkeiten im elektronischen Signaturverfahren. Solange diese nicht ausgeräumt seien, liefen die Apotheken Gefahr, nach der Belieferung des e-Rezeptes retaxiert zu werden, also keine Vergütung zu bekommen. „Das ist nicht akzeptabel", so Dittrich. Die Verlängerung der Testphase biete nun die Chance, die technischen Probleme zu lösen und den flächendeckenden Rollout in einem geordneten und sicheren Verfahren zügig zu bewerkstelligen.


Petition in der Prüfung
Anfang Dezember hatten Apotheker-, Klinik-, Ärzte- und Zahnärztevertreter – allesamt Gesellschafter der gematik - Zweifel an der Aussagekraft der e-Rezept-Tests geäußert. Gemeinsam erklärten sie: „Mit großer Skepsis sehen die meisten Gesellschafter der gematik deren öffentliche Aussage, dass die bisherige Testphase zur Einführung des elektronischen Rezepts ,erfolgreich' verlaufen sei. Das Gegenteil ist der Fall: Tatsächlich sind die Tests in der Fokusregion Berlin-Brandenburg nicht aussagekräftig." Demnach sollten in der ursprünglichen Testphase sogenannte Mengengerüste, die als Qualitätskriterien dienen, bis Ende September erreicht werden. Heißt: Für einen bundesweiten Rollout sollten mindestens 1.000 e-Rezepte ausgestellt und erfolgreich abgerechnet werden. „Aktuell sind es lediglich 42", erklärten die Gesellschafter ernüchtert. Weder die Anzahl der teilnehmenden Systeme in den Arzt- und Zahnarztpraxen beziehungsweise in den Apotheken, noch die Anzahl der teilnehmenden Krankenkassen sei im Test erreicht worden. Ein Krankenhaus sei an den Tests bisher gar nicht beteiligt gewesen. „Ob alle Anwendungen uneingeschränkt funktionieren, ist aufgrund des niedriger ausgefallenen Testvolumens zweifelhaft und daher noch nicht abschließend zu beurteilen." Täglich würden in Arzt- und Zahnarztpraxen etwa zwei Millionen Rezepte ausgestellt. „Fehlerhaft übermittelte e-Rezepte sind nicht nur eine Belastung für Ärzte, Zahnärzte und Apotheken, sie stellen insbesondere eine Gefährdung der Patientensicherheit dar."


Hintergrund der Erklärung dürfte die Gesellschafterversammlung der gematik gewesen sein. Dort war – nach Darstellung von KBV, KZBV, BÄK, DKG und DAV - durch die Stimm-Mehrheit des Bundesgesundheitsministeriums der Beschluss gefasst worden, das e-Rezept ab dem 1. Dezember 2021 bundesweit in ausgewählten Pilotpraxen und -apotheken der Softwarehersteller zu testen. Der Gegenvorschlag der Vertreter der Ärzte, Zahnärzte, Apotheker und Krankenhäuser sowie Kostenträger, die Beendigung der erfolgreichen Testung an transparente Qualitätskriterien anzubinden, die jeder Anbieter zu erfüllen hat, sei dagegen abgelehnt worden. „Die Ärzte, Zahnärzte, Apotheker und Krankenhäuser appellieren aber dringend an den Gesetzgeber, die Anwendung des e-Rezeptes erst nach einer ausreichenden Testphase und erwiesener Praxistauglichkeit für den Regelbetrieb in den Praxen vorzusehen."


Die Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg schloss sich in ihrer jüngsten Sitzung der Online-Petition „Kassenarztrecht - Einführung von Flächentests zur elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung und zum e-Rezept" an. Diese hatte Dr. Petra Reis-Berkowicz, Vorsitzende der KVB-Vertreterversammlung, im Bundestag eingebracht. Kernaussage der Petition ist, dass die Einführung von TI-Anwendungen wie das elektronische Rezept, über die ersten zwölf Monate als Testphase ausgestaltet wird und die Anwender sich freiwillig daran beteiligen können. Die Brandenburger forderten alle Heilberufler des Landes auf, die Petition ebenfalls zu unterzeichnen. Die Mitzeichnungsfrist endete Mitte Dezember, das Quorum wurde erreicht. Derzeit befindet sich die Petition in der Prüfung.


 


(Anja Köhler)


 

Foto: Screenshot ABDA, daserezeptkommt.de/; PM-Report 01-11-2022

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