Schlecht informiert über die Qualität im Gesundheitswesen

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Die Bertelsmann Stiftung wollte wissen, wie deutsche Patient:innen sich bei der Suche nach einer Arztpraxis etc. informiert fühlen. Das Ergebnis: schlecht informiert. Denn 64% denken, dass sie bei der Suche nach einer Arztpraxis, einem Krankenhaus oder einer Pflegeeinrichtung nicht ausreichend informiert sind. Das Gefühl der Unsicherheit fällt umso größer aus, je geringer der Bildungsabschluss ist. Zugleich geben 87% der Befragten an, dass Einrichtungen der Gesundheitsversorgung gesetzlich dazu verpflichtet werden sollten, ihre Qualitätsdaten offenzulegen. Ein anderer Punkt sind die Erfahrungen von Patient:innen, die noch viel zu wenig zur Verfügung gestellt werden - und das obwohl schon in 2018 die Gesundheitsministerkonferenz eine systematische Erhebung von Patientenerfahrungen in allen Einrichtungen des Gesundheitswesens gefordert hat.

"Es klafft eine große Lücke zwischen dem Informationsbedarf der Bevölkerung und dem, was das Gesundheitssystem derzeit aus sich heraus an Transparenz bietet. Die offizielle Qualitätsberichterstattung bleibt deutlich hinter ihren Möglichkeiten zurück," fasst Stefan Etgeton, Gesundheitsexperte der Bertelsmann Stiftung, die Umfrage zusammen, die die Stiftung in Auftrag gegeben hat. Uwe Schwenk, Gesundheitsexperte unserer Stiftung und Geschäftsführer der Weisse Liste gGmbH, fügt hinzu: "Das Resümee ist ernüchternd. Die Ergebnisse der Qualitätssicherung in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen scheinen die Menschen mit den bisherigen Mitteln und Wegen kaum zu erreichen. Über die Qualität von Arztpraxen liegen praktisch keine belastbaren Daten vor. Dabei wäre Vieles, was in anderen Ländern schon üblich ist, auch in Deutschland ohne großen Zusatzaufwand möglich."

Schon heute ließen sich Abrechnungs- und andere Routinedaten heranziehen, um über medizinische Leistungen und deren Qualität zu informieren. So könnten etwa diejenigen, die eine Knochendichtemessung benötigen, gezielt nach Arztpraxen suchen, die diese Leistung auch anbieten. Dennoch werden solche Möglichkeiten in der Bundesrepublik, anders als in anderen Ländern, bisher nicht konsequent genutzt.

Sowieso sollte patientenzentrierter gedacht werden: 82% der Befragten halten die Erfahrungen, die andere Patient:innen mit einer Arztpraxis, einem Krankenhaus oder einer Pflegeeinrichtung gemacht haben, für wichtig, um deren Qualität zu beurteilen. Obwohl die Gesundheitsministerkonferenz schon 2018 eine systematische Erhebung von Patientenerfahrungen in allen Einrichtungen des Gesundheitswesens gefordert hat, ist davon bislang so gut wie nichts umgesetzt worden. Auch beim Einsatz von so genannten "Patient Reported Outcome Measures" (PROM) bleibt Deutschland hinter Ländern wie England und Schweden zurück. Bei PROM-Verfahren berichten Patientinnen und Patienten anhand medizinischer Kriterien selbst, wie eine bestimmte Behandlung gewirkt hat.

Beim konkreten Versorgungsalltag erwarten 71% der Befragten von ihrer Hausarztpraxis Orientierungshilfe, etwa bei der Suche nach einem Krankenhaus. Hierbei ließen sich für die Beurteilung der Versorgungsqualität die Fallzahlen heranziehen, die abbilden, wie oft eine Klinik bestimmte Operationen durchführt. Ob und inwieweit Ärztinnen und Ärzte allerdings die Daten der offiziellen Qualitätsberichterstattung zur Beratung nutzen, ist unklar.
Digitale Hilfsmittel, wie die Praxissoftware oder die elektronische Patientenakte, könnten einen schnellen Zugriff auf relevante Informationen in der Sprechstunde ermöglichen. So wünschen sich 67% der Befragten, dass eine elektronische Patientenakte neben der Dokumentation von Befunden und Therapien auch Qualitätsinformationen zu Gesundheitsanbietern vorhält. Neben der Hausarztpraxis erwarten immerhin 62% der Befragten Orientierungshilfe in Sachen Qualität auch von Krankenkassen oder einer unabhängigen Institution, wie der Stiftung Warentest.

Etgeton fasst zusammen: "Die Datenbasis in Deutschland bietet an sich viel Potenzial. Wir könnten für die Qualitätsberichterstattung schon heute sehr viel mehr daraus machen, ohne den Dokumentationsaufwand für die Einrichtungen zu erhöhen. Dazu ist es notwendig, vorhandene Datenbestände allgemein zugänglich zu machen. Sie sind nicht das Eigentum der Ärzteschaft, der Krankenkassen oder des Staates, sondern ein öffentliches Gut."

Hintergrund:
Die im deutschen Gesundheitswesen seit 15 Jahren betriebene, zum Teil recht aufwändige Qualitätsberichterstattung scheint ihr Ziel weitgehend zu verfehlen. Die Bertelsmann Stiftung hat mit der Weissen Liste die bisherigen Bemühungen um Qualitätstransparenz analysiert und Bilanz gezogen. Ziel müsste es sein, vorhandene Daten stärker für die Qualitätsberichterstattung zu nutzen und patientenrelevante Informationen genau dort bereitzustellen, wo sie im Versorgungsalltag benötigt werden.
Grafik: Bertelsmann Stiftung; PM 04-07-2022

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