Kurswechsel notwendig: Freie Ärzteschaft und Virchowbund fordern MVZ-Reform

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Es geht um Rendite, Spekulationen und Ärzt:innen unter ökonomischem Druck. Medizinische Versorgungszentren (MVZ) in Investorenhand treiben offenbar systematisch die Preise. Ärzteschaftsvertreter kritisieren diese Entwicklung scharf.

Die Spekulation mit Arztpraxen muss aufhören. Darin sind sich der Verband der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte (Virchowbund), die Ärztekammer Berlin (ÄKB) und die Freie Ärzteschaft (FÄ) einig. Sie fordern von der Politik gesetzliche Regelungen für private Investoren-MVZ.
MVZ steht für Medizinisches Versorgungszentrum. Viele dieser MVZ wie Augenarzt-, Zahnarzt-, Orthopädie- oder auch Hausarztpraxen waren in den vergangenen Jahren für internationale Finanzinvestoren attraktiv geworden. Sie kauften hunderte Arztpraxen in Deutschland auf und spekulieren auf hohe Renditen. Ermöglicht hat solche Spekulationen das GKV-Versorgungsstärkungsgesetz von 2015, das auch fachgleiche MVZ erlaubt.

MVZ-Ketten treiben Preise in die Höhe
Der Virchowbund kritisiert die verschärfte Renditejagd. Es gebe deutliche Hinweise, „dass MVZ-Ketten in Investorenhand die Behandlungskosten in die Höhe treiben, ohne die Qualität der Versorgung zu verbessern. Oft sogar im Gegenteil". Das zeigt beispielsweise eine „Panorama"-Recherche der ARDund des NDR . Der Bundesvorsitzende des Virchowbundes, Dr. Dirk Heinrich, bekräftigt: „Investoren erwarten Gewinn, Rendite. Dieses Geld muss im Gesundheitswesen erst verdient werden – auch auf dem Rücken der Versicherten."
Eine Studie, in Auftrag gegeben von der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung, kam bereits 2020 zu diesem Ergebnis: Investorengeführte Ketten zielen stärker auf die Rendite ab. Sie würden „vermehrt betriebswirtschaftlich attraktivere Leistungen erbringen, während sie weniger attraktive Leistungen vernachlässigen", heißt es in der Analyse des IGES Instituts. Das ging beispielsweise aus Abrechnungsdaten verschiedener Zahnarzt-Praxisformen hervor.

Die „Panorama"-Recherchen zeigen außerdem, dass sich einige Ketten sogar eine monopolartige Stellung in mehreren Städten und Landkreisen erkauft haben. Ein Londoner Finanzinvestor habe seit 2019 über einen Fonds in Luxemburg mehrere regionale Verbünde in Schleswig-Holstein erworben und zu einer Kette mit dem Namen „Sanoptis" zusammengeführt. Sie beschäftige nun in Kiel wohl mehr als die Hälfte aller ambulanten Augenärzte. Ähnliches zeichne sich scheinbar im bayerischen Augsburg ab. Genaue Daten seien jedoch nicht bekannt. Das ist generell eines der größten Probleme. Es gibt weder ein Register noch eine Liste investorengeführter Praxen in Deutschland.

Forderungen gegen die Renditejagd
Die Ärzteschaftsvertreter haben denn auch konkrete Forderungen an die Politik. So verlangt der Virchowbund unter anderem ein Transparenzregister für Medizinische Versorgungszentren. MVZ-Neugründungen sollten nur noch als gGmbH möglich sein. Dadurch würden sie per Rechtsform auf Gemeinnützigkeit verpflichtet. Damit ließen sich hohe Renditen für Anleger verhindern. Ebenso sollten rasche Wiederverkäufe innerhalb von fünf Jahren verhindert werden.
Dr. Matthias Bloechle, Vizepräsident der Berliner Ärztekammer, fordert, dass „Ärztinnen und Ärzte, die selbstständig vertragsärztlich tätig sein wollen, bei der Nachfolgeregelung sdurch die Kassenärztlichen Vereinigungen bevorzugt eine Zulassung erhalten" sollen.
Diesen Aspekt sieht die FÄ ebenfalls als zentral im Kampf gegen wettbewerbsfeindliche Anbieterdominanz: „Nur eindeutige, gesetzlich definierte Strukturvorgaben können einen weiteren Schaden für die medizinische Versorgung in unserem Land verhindern."
Bild: Screenshot Twitter Account Virchowbund; PM 04-19-2022

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