Ärztetag fordert Maßnahmen für bessere Gesundheitsversorgung

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Ukraine-Krieg, Notfallversorgung, Kindergesundheit – all das spielt eine bedeutende Rolle in Deutschlands Gesundheitswesen. Auf dem 126. Deutschen Ärztetag fassten die Vertreter:innen Beschlüsse für verschiedene Bereiche. Ein Überblick.

„Die vergangenen zwei Jahre haben uns drastisch vor Augen geführt, wie sehr unser gesellschaftliches und wirtschaftliches Leben von einem gut funktionierenden Gesundheitswesen abhängt", sagt der Präsident der Bundesärztekammer und des Deutschen Ärztetages, Dr. Klaus Reinhardt, beim 126. Deutschen Ärztetag in Bremen. Darum hat die Ärzteschaft konkrete Forderungen.
Eine zentrale betrifft alle: Der Ärztetag hält eine gemeinsame Wende in der Ernährungs- und Landwirtschaftspolitik für notwendig. Der Fleischkonsum müsste deutlich reduziert werden, betonten die Abgeordneten. Dies wirke sich positiv auf die Gesundheit aus, reduziere Treibhausgase und verbessere Nahrungsressourcen ärmerer Länder.
Patientenversorgung verbessern
Der Krieg in der Ukraine verdeutlicht: Verständigung zwischen Ärzt:innen und Patient:innen kann die medizinische Versorgungsqualität beinträchtigen. Das gilt für Geflüchtete aus der Ukraine ebenso wie für andere mit Migrationshintergrund.
Lücken durch fehlende Präsenzdolmetscher ließen sich etwa mit ortsunabhängigen Videodolmetschern oder Telefondolmetschdiensten schließen. Der Ärztetag verlangt vom Gesetzgeber auf, die im Koalitionsvertrag genannte Sprachmittlung auch mit Hilfe digitaler Anwendungen im Kontext notwendiger medizinischer Behandlung schnell umzusetzen.
Die Ärzteschaft fordert zudem ein Gesamtkonzept zur Notfallversorgung. Sie wendet sich gegen die Pläne des Gesetzgebers. Dieser plant statt einer umfänglichen Reform der Notfallversorgung zunächst eine verpflichtende, standardisierte Ersteinschätzung einzuführen. Das Ärzteparlament appellierte an die Bundesregierung, den Auftrag an den Gemeinsamen Bundesausschuss auszusetzen, Kriterien für ein solches Ersteinschätzungsverfahren zu beschließen.
Die von den Regierungsfraktionen angekündigte Gesamtreform der Notfallversorgung sei dringend notwendig, stellte das Ärzteparlament klar. Zunächst müsse geklärt werden, wie die unterschiedlichen Versorgungsebenen in der ambulanten Notfallversorgung vernetzt werden sollen und welches Leistungsspektrum sie aufweisen, heißt es in dem aktuellen Beschluss. Vorher und losgelöst von einem Gesamtkonzept sei die Etablierung eines neuen Ersteinschätzungssystems zur Patientensteuerung nicht sinnvoll.
Ganz spezielle Bedürfnisse haben Menschen mit ungewöhnlichen Erkrankungen. Die einzelnen Krankheiten sind selten, aber in der Summe betreffen sie dennoch viele Menschen in Deutschland. Hier leben circa vier Millionen Menschen mit seltenen Erkrankungen. Die Mehrheit betreffen entsprechende Symptome bereits im Kindes- und Jugendalter. Trotzdem dauert es häufig mehrere Jahre, bis die richtige Diagnose gestellt wird.
Um Patient:innen mit seltenen Erkrankungen besser zu versorgen, sollten bundesweit entsprechende Fachzentren etabliert und dauerhaft von den Kostenträgern finanziert werden. Die Zentren würden den Betroffenen eine zielgerichtete Diagnostik und Therapie durch speziell geschulte Kolleginnen und Kollegen ermöglichen.
Kindergesundheit in den Fokus rücken
Für die Heranwachsenden sieht die Ärzteschaft drei zentrale Punkte:
Erstens soll die Gesundheitskompetenz an Schulen gefördert werden. Der Deutsche Ärztetag hat die Länder aufgerufen, ein eigenständiges Schulfach „Gesundheit und Nachhaltigkeit" einzuführen. Eine frühe und gezielte Bildung werde dazu beitragen, eine Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung zu fördern und die Gesundheit des Einzelnen, jedoch auch der gesamten Bevölkerung nachhaltig zu sichern – insbesondere mit Blick auf die aktuellen Herausforderungen wie Klimakrise und demografischer Wandel.
Zweitens können Kinder und Jugendliche können durch unkontrollierten und übermäßigen Gebrauch digitaler Bildschirmmedien in ihrer intellektuellen, sensomotorischen und psychosozialen Entwicklung beeinträchtigt werden. Die Auswirkungen auf die schulische Bildung und den Arbeitsmarkt können dramatisch sein. Es geht daher der deutliche Appell an die Bundesregierung, die Forschung zu den Auswirkungen der übermäßigen Nutzung von Bildschirmmedien im Kindes- und Jugendalter finanziell zu fördern.
Drittens sollten Kindervorsorgeuntersuchungen künftig für ärztliche Aufklärungsgespräche mit Eltern von Mädchen genutzt werden, die aus Ländern stammen, in denen noch immer weibliche Genitalverstümmelung praktiziert wird. Bei den Aufklärungsgesprächen sollten die negativen gesundheitlichen, sozialen und psychischen Folgen von weiblicher Genitalverstümmelung kultursensibel in den Fokus gerückt werden.
Personal im Gesundheitswesen
Der Ärztetag hat die Bundesregierung aufgefordert, sich für ein Meldesystem für Angriffe auf Einsatzkräfte und medizinisches Personal einzusetzen. Zu oft würden Verfahren zu Gewalt gegen Ärzt:innen wegen „Geringfügigkeit" eingestellt.
Außerdem soll die Qualität des Praktischen Jahres (PJ) sichergestellt werden. Die Abgeordneten des Ärztetages forderten die Klinikleitungen auf, diese zu priorisieren. Dann dürften Medizinstudierende im PJ nicht mit pflegerischen, sondern mit ärztlichen Aufgaben betraut werden. Auch müssten diese eine einheitliche angemessene Aufwandsentschädigung erhalten.
Foto: Jürgen Gebhard; PM 05-30-2022-Notfallversorgung

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