Jens Spahn: „Wir wollen Anreize schaffen für die europäische Produktion wichtiger Wirkstoffe“

Grafik: Studie „Woher kommen unsere Wirkstoffe? Eine Weltkarte der API-Produktion“

Jens Spahn will noch in diesem Jahr konkretisieren, mit welchen Instrumenten die Politik die europäische Produktion von Wirkstoffen und Arzneimitteln stärken kann. Das gab er auf der Digitalkonferenz „Für ein gesundes Europa" bekannt. Bis November rechne er mit konkreten Vorschlägen der EU-Kommission, eine Positionierung des EU-Rats will er am liebsten im Dezember erreicht haben. „Ich pushe das Thema auf europäischer Ebene", so Spahn, „wenn es sein muss, auch in einer Nachtsitzung".

Auf der Veranstaltung, die Teil des assoziierten Programms der deutschen EU-Ratspräsidentschaft war, diskutierten Vertreter von Politik, Industrie, Behörden, Krankenkassen und Patienten über eine Stärkung von Versorgungssicherheit und Arzneimittelproduktion in Europa. Sowohl Spahn als auch der EU-Binnenmarkt-Kommissar Thierry Breton betonten die Gefahr einer zu großen Abhängigkeit von China. Daraus resultiere, so sagten es beide, die Notwendigkeit für Europa – zumindest bei kritischen Wirkstoffen – wieder unabhängiger zu werden.

Spahn machte deutlich, dass eine stabilere Versorgung mehr Diversität in den Lieferketten brauche. Es sei zu erarbeiten „mit welchen Instrumenten wir die Produktion und Versorgung hier in Europa wieder anreizen können." Ein Weg könnten Investitionszuschüsse sein und das Vergaberecht könne angepasst werden. Ein weiterer könne es sein, in der Anfangszeit garantierte Abgabepreise als Anreiz für die Hersteller zu gewähren. So forderte Christoph Stoller, Präsident des europäischen Generika-Verbandes Medicines for Europe: „Wir brauchen ein neues Preissystem für Generika. Es darf nicht mehr nur um den günstigsten Preis gehen. Vielmehr müssen Investitionen, die die Versorgungssicherheit erhöhen – wie etwa eine zweite Wirkstoffquelle oder ein Produktionsstandort in Europa – honoriert werden". Und Wolfgang Späth, Vorstandsvorsitzender von Pro Generika e.V., unterstrich, dass. es in Deutschland auf dem Höhepunkt der ersten Covid-19-Welle nicht zu Versorgungsengpässen gekommen sei. Aber: „Wir dürfen das nicht als Blaupause nehmen und uns darauf verlassen, dass auch beim nächsten Mal alles gut geht."


Mit Blick auf die Politik, die europäische Arzneimittelhersteller stärken will, unterstrich Dr. Christian Pawlu, Global Head of Strategy, Portfolio and Business Development bei Sandoz International GmbH, die Relevanz eines echten Wettbewerbs. Sein Unternehmen hatte bekanntgegeben, 150 Millionen Euro in den Erhalt des Antibiotika-Werkes in Österreich zu investieren. Sandoz bekommt dafür staatliche Zuschüsse in Höhe von 50 Millionen Euro. Pawlu: „Wir brauchen keine Zombie-Industrie." Staatliche Hilfen seien sinnvoll, wenn sie ein Unternehmen in die Lage versetzten, wieder voll wettbewerbsfähig zu produzieren. Dafür aber müsse das Verhältnis zwischen Preisgestaltung und Erstattung langfristig stimmen.


Einen Ausblick auf die nächsten politischen Schritte gab der EU-Kommissar für den Binnenmarkt Thierry Breton. „Eine groß angelegte Rückverlagerung der Produktion wird es nicht geben", sagte er. „Aber wir sind in unseren Lieferketten zu abhängig von anderen Ländern und das ist inakzeptabel." Im Folgenden müsse geprüft werden, wo Lieferketten korrigiert und diversifiziert werden müssten. Außerdem sei zu schauen, welche kritischen Wirkstoffe wieder verstärkt in Europa produziert werden sollten. Zuvor hatte eine Abstimmung unter den Teilnehmern der Konferenz ergeben, dass es 73 Prozent für angemessen halten, wenn die Politik die europäische Arzneimittelproduktion unterstützt.


Grafik: Studie „Woher kommen unsere Wirkstoffe? Eine Weltkarte der API-Produktion“Wie die Abhängigkeiten gelagert sind, belegt die Studie „Woher kommen unsere Wirkstoffe? Eine Weltkarte der API-Produktion", die im Auftrag von Pro Generika erstmals die Herkunft der hierzulande benötigten Wirkstoffe untersucht hat. Sie liefert eine Übersicht der Herstellungsstätten von mehr als 500 Wirkstoffen und basiert auf einer Analyse der Wirkstoffzertifikate (CEPs). Demnach hat Europa seine einstige Spitzenposition bei der Wirkstoffherstellung eingebüßt: Zwei Drittel der untersuchten, für die Produktion notwendigen Zulassungen befinden sich in indischen und chinesischen Standorten, die sich auf nur wenige Provinzen verteilen. Für rund ein Sechstel der untersuchten generischen Wirkstoffe gibt es keine europäischen Herstellungsstätten. In Europa werden vor allem Wirkstoffe mit vergleichsweise niedrigem Produktionsvolumen hergestellt sowie solche, deren Produktion komplex ist.

Quelle: Digitalkonferenz „Für ein gesundes Europa“; Grafik: Studie „Woher kommen unsere Wirkstoffe? Eine Weltkarte der API-Produktion“; 10-16-2020

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