AOK: Reform der Preisbildung bei neuen Arzneimitteln

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Der AOK-Bundesverband sieht Regelungsbedarf beim Arzneimittelneuordnungsgesetz (AMNOG). Vor allem sei eine Reform der Preisbildung für neue Arzneimittel „überfällig". Das sei „mit Blick auf die drohende Finanzmisere der gesetzlichen Krankenversicherung zwingend erforderlich", sagte der AOK-Vorstandsvorsitzende Martin Litsch.

Der AOK-Bundesverband kritisiert „den ungebrochenen Trend zu hochpreisigen Arzneimitteln im Patentmarkt". Er rechnet die GKV-Nettokosten für patentgeschützte Arzneimittel 2019 auf 21 Milliarden Euro, was einem Ausgabenanteil am Gesamtmarkt von 47,8%, aber einem Versorgungsanteil von 6,5% entspreche. Sechsstellige Arzneimittelpreise für Neueinführungen würden immer öfter aufgerufen. „...Der Gesetzgeber sollte deshalb endlich geeignete Maßnahmen ergreifen, damit Arzneimittel auch künftig für alle bezahlbar bleiben können", ärgert sich Litsch.

Vor diesem Hintergrund legt die AOK-Gemeinschaft ein Positionspapier vor, in dessen Zentrum die Reform überhöhter Einstiegspreise im Patentmarkt steht. „Hersteller können in Deutschland für ihre neuen Arzneimittel den Preis im ersten Jahr nach Marktzulassung frei festlegen. Das ist und bleibt der Kardinalfehler des AMNOG. Wir favorisieren stattdessen einen Interimspreis, mit dem sich von Anfang an ein fairer Preis für die Beitragszahler realisieren ließe", glaubt Dr. Sabine Richard, Geschäftsführerin Versorgung im AOK-Bundesverband. Dieser Startpreis sei vor Marktzugang vorläufig festzulegen und könne sich an den Kosten der Vergleichstherapie orientieren. Auf diese Weise könne man den sprichwörtlichen „Teppichhändlereffekt", also das anfängliche Einpreisen späterer Nachlässe, aushebeln.

Die AOK schlägt vor, dass der Interimspreis durch den GKV-Spitzenverband auf Basis der vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) festgelegten Vergleichstherapie rechnerisch ermittelt und nach abgeschlossener Preisverhandlung anschließend vom ausgehandelten Erstattungsbetrag rückwirkend ersetzt wird. Über- oder Unterzahlungen aus der Preisdifferenz zwischen Interimspreis und endgültigem Erstattungsbetrag würden dann zwischen den Krankenkassen und dem Hersteller ausgeglichen. „Durch die Kombination von Rückwirkung und Interimspreis entsteht ein fairer Ausgleich zwischen GKV und pharmazeutischem Unternehmen. Im Falle eines beträchtlichen Zusatznutzens erhält der Hersteller im Nachgang rückwirkend ein zusätzliches Umsatzplus", meint Richard. Zudem solle die Phase bis zum Vorliegen des Erstattungsbetrags deutlich verkürzt werden – von zwölf auf neun Monate.


Außerdem fordert der AOK-Bundesverband, dass ein qualitätsgesicherter Einsatz neuer und beschleunigt auf dünner Datenlage zugelassener Arzneimitteltherapien jenen Patienten/innen vorbehalten sein soll, die keine anderen Alternativen haben. Die Durchführung gehöre in die Hände besonders qualifizierter Ärzte an spezialisierten Behandlungszentren. „Eine Erstattung der Therapien durch die GKV ist zunächst auf diese Ärzte und Zentren zu beschränken und wird unter dem Vorbehalt ergänzender Datenerhebungen zur Beurteilung von Nutzen und Schaden geleistet. Sobald mehr Erkenntnisse zu diesen Therapien vorliegen, können die Anwendungseinschränkungen gelockert werden", fordert Richard. Der G-BA wurde durch das Gesetz für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung (GSAV) ermächtigt, für die Nutzenbewertung bestimmter Arzneimittel anwendungsbegleitende Datenerhebungen von den Herstellern einzufordern. Diese Regelung sollte aus Sicht der AOK weiter geöffnet werden.


Neben den Preisen im Markt der patentgeschützten Arzneimittel spiele auch die Versorgungssicherheit im Generikamarkt eine entscheidende Rolle. „Die AOK-Gemeinschaft ist hier bereits aktiv geworden und hat ihre Rabattverträge um Regelungen ergänzt, die sie gegen Produktions- und Lieferausfalle absichern", erklärt Litsch. Dazu gehöre beispielsweise die Verpflichtung, dauerhaft Arzneimittelreserven für drei Monate anzulegen. Zwar gebe es auch in der Pandemie "immer noch keine Hinweise für gravierende Liefer- oder gar Versorgungsengpässe". Wo es aber "vereinzelt" zu Lieferschwierigkeiten komme, fehle bislang der Überblick über die auf dem Markt befindlichen Bestände und die gesamte Lieferkette. Es werde zu spät und auch nicht kontinuierlich gemeldet, wenn Schwierigkeiten auftreten. „Deshalb muss die Politik die Ansätze des Fairer-Kassenwettbewerb-Gesetzes zu Lieferengpässen weiterentwickeln", fordert Litsch. Dafür brauche es auf nationaler, aber auch auf europäischer Ebene ein einheitliches Frühwarnsystem, das über Lieferengpässe informiert und Einblick in Produktionsbedingungen ermöglicht.

Foto: AOK; PM 11-30-2020

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