Der digitale Patient: Zwischen Hoffen und Ernüchterung

Grafik: Bertelsmann StiftungDas deutsche Gesundheitswesen soll digital sein. Ein wichtiger Schritt dorthin ist die elektronische Patientenakte (ePA). Das Problem dabei ist allerdings: Die Bedürfnisse der Patienten werden bei diesen Plänen oft mißachtet.


Seit dem 1. Januar 2021 können alle gesetzlich Versicherten eine elektronische Patientenakte (ePA) ihrer Krankenkassen erhalten, in der medizinische Befunde und Informationen aus vorhergehenden Untersuchungen und Behandlungen über Praxis- und Krankenhausgrenzen hinweg umfassend gespeichert werden sollen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn feiert sich dafür, weil er mit dem Terminservice- und Versorgungsgesetz die Grundlagen geschaffen hat.

Wie üblich mit technologischen Neuerungen bei uns, ist das angekündigte Datum eine ungefähre Verbindlichkeitserklärung. Denn der 1. Januar ist das Startsignal für ein drei Phasenprojekt. Anfangs bieten die Krankenkassen ihren Versicherten eine App zum Download an, mit der diese Zugang zur elektronischen Krankenakte bekommen. Tatschlich führt die gematik eine Liste mit etlichen Internetadressen auf, wo man die App seiner Krankenkassen finden kann. Damit können Versicherte dann ihren ePA-Zugang über ein Smartphone oder Tablet selbstständig nutzen.


Zeitgleich beginnt eine Test- und Einführungsphase mit ausgewählten Arztpraxen, verspricht Spahn. In Phase 2 werden im 2. Quartal alle Ärzte/innen mit der ePA verbunden. In Phase 3 zum 1.7.2021 müssen alle vertragsärztlich tätigen Leistungserbringer in der Lage sein, die ePA zu nutzen und zu befüllen. In Krankenhäusern muss die ePA spätestens zum 1.1.2022 laufen. Ab Mitte 2021 soll es zusätzlich das elektronische Rezept geben.


Hört sich toll an, wenn es funktioniert. Denn im Vorfeld gab es Probleme beim Anschluß der Praxiscomputer an die Telematix-Infrastruktur. Und die Ärzteschaft kritisierte immer wieder die unzulängliche Sicherheit der Daten. Skepsis ist angebracht, ob alle Probleme bis zum Stichtag ausgeräumt werden können. Die Abneigung vieler Ärzte/innen gegen digitale Lösungen scheint sich im Zusammenhang mit Corona und der Nutzung von Videosprechstunden sowie elektronischer Krankschreibung wohl zurück gegangen zu sein.


Und was wollen die Patienten/innen? Über einen langen Zeitraum schien das den handelnden Politikern nicht so wichtig zu sein. Doch inzwischen beginnt man sich auch damit vorsichtig auseinanderzusetzen. Die Bertelsmann Stiftung hat nachgefragt, unter welchen Voraussetzungen die Einführung digitaler Gesundheitslösungen für die breite Bevölkerung gelingen kann und wie sich die Akzeptanz dafür steigern lässt. Als Anker für die Befragung hat die Stiftung die Corona-Warn-App genommen, die mittlerweile 26 Millionen mal downgeloadet wurde. Zum Vergleich: die ePA wird von weniger als 1% der Versicherten genutzt.


Aus der Umfrage lassen sich laut Bertelsmann Stiftung folgende Erfahrungen ableiten:
• Der Schlüssel zur Akzeptanz von digitalen Gesundheitslösungen ist eine rasche individuelle Nutzenerfahrung: Am besten lassen sich Anwender gewinnen, wenn diese einen konkreten Nutzen für sich erfahren.
• Die Bevölkerung hat prinzipiell eine hohe Bereitschaft, Gesundheitsdaten zu teilen, sofern der Zweck als sinnvoll erachtet wird.
• Die Bereitschaft, Daten zu teilen, lässt sich durch kluge Grundeinstellungen mit einer Widerspruchsoption fördern, also wenn Nutzer/innen die Datenhoheit behalten und das Teilen von Daten individuell deaktivieren können (Opt-out).
• Der stufenweise Ausbau der ePA-Funktionalitäten sollte transparent kommuniziert werden, um keine falschen Erwartungen zu wecken und Frustration zu vermeiden.
• Als Anbieterinnen der ePA sollten insbesondere Krankenkassen die Phasen der Einführung proaktiv kommunizieren.


Das Bundesgesundheitsministerium scheint selbst Bedenken bekommen zu haben. Ende 2020 hat sie Patienten/innen befragt und 1451 Antworten gesammelt. 89% litten unter einer chronischen und 39% unter einer seltenen Erkrankung. Die geäußerten Bedürfnisse wurden in der Auswertung nach einzelnen Krankheitsbildern aufgeschlüsselt. Die Bewertung der Vorschläge hat der health innovation hub vorgenommen:
•Kombination von Diabetes-bezogenen Daten mit Daten von Wearables zur besseren Einstellung des Blutzuckers nach Sport.
•Digitales Schmerztagebuch, das mit behandelnden Ärzten geteilt werden kann.
•Digitale Selbsthilfe per App.
•Psychologisches Bewältigungstraining zur digitalen Selbsthilfe.
•Digitale Anwendung zur Vermittlung von Assistenz im Alltag.
•KI-basierte digitale Anwendung zum Protokollieren von Befindlichkeitsstörungen, Auslösern, Ernährung.
•Begleitung von Patienten/innen von Diagnosestellung über Behandlungsprozess bis zur Nachsorge.

Grafik: Bertelsmann Stiftung; PM 5-2013-3


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