Behandlung nach männlichem Standard

BKK VBU Seit Aristoteles sei der männliche Körper Prototyp des Körpers, die Frau eher ein „verunglückter Mann". Bis heute äußere sich das Ungleichgewicht noch in mangelnden Daten zu Frauengesundheit, dem „Gender Data Gap", erläuterte Prof. Dr. Christine Schües, Medizinhistorikerin aus Lübeck, auf einer Veranstaltung zum Thema 'Frauengesundheit in Deutschland – erstklassig?'. Das zeigt sich auch bei der Einnahme von Medikamenten. Eine aktuelle Umfrage der Krankenkasse BKK VBU belegt: Die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger wünscht sich von der Pharmaindustrie, dass Dosierungsangaben in Beipackzetteln für Männer und Frauen separat aufgeführt werden.

Dass bei der medizinischen Versorgung immer noch ein Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen herrscht - und das weltweit - untermauert der Hologic Global Women's Health Index (GWHI). Dieser Index wird in 116 Ländern einheitlich erhoben und ermöglicht einen Vergleich zwischen den Staaten im Jahresrhythmus. Deutschland ist zwar auf Platz 6, bekam in der Befragung aber nur 65 von 100 Punkten und zeigte besonders im Bereich Prävention Aufholbedarf. Vor allem gibt es eine geringe Teilnahmerate an Früherkennungsprogrammen in Deutschland. Wouter Peperstraete, General Manager DACH von Hologic, führt das u.a. auf eine fehlgeleitete Kommunikation zurück.

Prof. Dr. med. Vera Regitz-Zagrosek gilt als Pionierin der Gendermedizin in Deutschland. Sie erklärte am Beispiel des Herzinfarktes, dass Diagnose und Therapie im Wesentlichen auf die Behandlung des Mannes ausgerichtet seien. In der Konsequenz sei die Frühsterblichkeit nach Herzinfarkt vor allem bei jüngeren Frauen deutlich höher als bei altersgleichen Männern. Auch in Kliniken sei die Sterberate von Frauen nach Herzinfarkt höher.

Ein weiteres Beispiel aus der Praxis gab Prof. Dr. med. Sven Becker. Er führte aus, dass in Deutschland die Hysterektomie die zweithäufigste Operation nach dem Kaiserschnitt sei, obwohl es sich in 80% der Fälle um gutartige Erkrankungen handele. Endometriumablationen seien viel seltener als Hysterektomie in Deutschland, weil sie immer noch nicht zugelassen seien. Im Vergleich dazu seien Ablationen in Großbritannien und den Niederlanden wesentlich häufiger als Hysterektomien. Bei frauenspezifischen Erkrankungen seien die Kostenträger oftmals zögerlicher, als bei männerspezifischen Indikationen.

Die Unterschiede spiegeln sich auch bei der Wirkung von Medikamenten wider. Laut der Umfrage der BKK VBU sind 78% der Befragten noch nie über die unterschiedliche Wirkung von Medikamenten für Männer und Frauen durch ihren Arzt oder Apotheker aufmerksam gemacht worden. Das bestätigen 82% der Frauen und 75% der Männer. Dabei unterscheiden sich bei Frauen und Männern nicht nur der Verlauf einer Krankheit, sondern auch die Wirkung von Medikamenten. Doch trotzdem bleibt dies bei der Dosierung im medizinischen Alltag meist unberücksichtigt, sodass Frauen in Relation zu ihrem Körpergewicht in vielen Fällen eine zu hohe Dosis erhalten.

Von der Pharmaindustrie wünscht sich die Mehrheit, dass auch in den Packungsbeilagen von Medikamenten auf eine unterschiedliche Einnahme von Männern und Frauen hingewiesen wird: 74% halten geschlechtsspezifische Dosierungsangaben im Beipackzettel für sinnvoll. "Bis heute gilt das männliche Geschlecht als die Norm in der Medizinforschung. Es ist an der Zeit, endlich den Blick in der medizinischen Versorgung auf die biologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau zu lenken, so dass beide Geschlechter davon profitieren", appelliert Andrea Galle, Vorständin der Krankenkasse BKK VBU.

 

Grafik: BKK VBU; PM11 16-06-2022


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