Zi: Studie zu Überversorgung im deutschen Gesundheitssystem


Ein Ziel der Studie: Medizinische Leistungen mit fragwürdigem Nutzen identifizieren.

In Zeiten deutlich knapper werdender finanzieller und personeller Ressourcen rücken auch im deutschen Gesundheitswesen Einspar- und Synergiepotenziale immer stärker in den Fokus, gerade auch im ambulanten Bereich. (Foto von Pexels Thirdman auf Unsplash)

 

Die Technische Universität Berlin, die Techniker Krankenkasse (TK) und das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) haben eine gemeinsame Studie zur Überversorgung im deutschen Gesundheitssystem durchgeführt. Ziel war es, medizinische Leistungen mit fragwürdigem Nutzen zu identifizieren, um mögliche Einsparpotenziale bei begrenzten finanziellen und personellen Ressourcen aufzuzeigen.

Ergebnisse der Untersuchung

Die Studie identifizierte 24 medizinische Leistungen, deren medizinischer Nutzen fraglich ist, die jedoch regelmäßig durchgeführt und abgerechnet werden. 

Besonders häufig betroffen sind:

  • Die Messung der Schilddrüsenhormone fT3/fT4 bei Patienten mit bekannter Schilddrüsenunterfunktion – obwohl der TSH-Wert als diagnostischer Standard ausreicht.
  • Die Bestimmung von Tumormarkern ohne Krebsdiagnose, obwohl diese Tests nur zur Verlaufskontrolle bei Krebserkrankungen vorgesehen sind.

 

Die Analyse von Abrechnungsdaten ergab, dass jährlich zwischen 430.000 und 1,1 Millionen Fälle (4–10,4% der untersuchten Leistungen) als medizinisch fragwürdig eingestuft werden können. Die Kosten für diese unnötigen Leistungen betragen allein im ambulanten Bereich der TK zwischen 10 und 15,5 Mio. Euro pro Jahr.

Finanzielle und gesundheitspolitische Relevanz

Die Studie wurde im Rahmen des Forschungsprojekts „IndiQ“ durchgeführt, das von 2020 bis 2024 mit 800.000 Euro durch den Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) gefördert wurde. Das Projekt zielte darauf ab, die Qualität medizinischer Indikationsstellungen zu verbessern und Handlungsbedarfe zu identifizieren.

Der Zi-Vorstandsvorsitzende Dr. Dominik von Stillfried mahnt an: „Die im Rahmen der Studie betrachteten Leistungen sollten aus ärztlicher Sicht nur unter größtmöglicher Zurückhaltung erbracht werden. Dies erfordert eine besonders kritische Indikationsstellung, also eine besonders kritische Entscheidung, ob und wann diese in eine Behandlung einfließen sollen.“

Er ergänzt: „Das Wirtschaftlichkeitsgebot gemäß § 12 SGB V sieht vor, dass Leistungen, die von Leistungserbringern erwirkt bzw. von Krankenkassen bewilligt werden, ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein sollen. Im Umkehrschluss sollten also Leistungen nicht gewährt werden, die über eine individuelle Bedarfsdeckung hinausgehen oder keinen hinreichend gesicherten medizinischen (Zusatz-)Nutzen aufweisen. Die hier ausgewählten Leistungen könnten jedoch nicht sämtlich per se entfallen. In Zeiten knapper Finanzen und zunehmender Personalengpässe könne ein kritischerer Einsatz aber dazu beitragen, die schwindenden Ressourcen für wesentlichere Aufgaben in der ambulanten Versorgung einzusetzen und zum Teil die Honorarverteilung unter der morbiditätsbedingten Gesamtvergütung (MGV) zu entlasten. Daher das weitere Monitoring sinnvoll.“

Konkrete Einsparpotenziale

  • Unnötige Messung der Schilddrüsenhormone fT3/fT4: 315.622 Fälle pro Jahr | 2,15 Millionen Euro vermeidbare Kosten
  • Überflüssige Tumormarker-Bestimmungen ohne Krebsdiagnose: 50.000–60.000 Fälle pro Jahr | 520.000 Euro vermeidbare Kosten

 

Empfehlungen und Maßnahmen

Die Studienautoren empfehlen eine kritischere Indikationsstellung, um unnötige medizinische Leistungen zu reduzieren. Zudem wird ein kontinuierliches Monitoring als sinnvoll erachtet, um Überversorgung gezielt zu erkennen und zu minimieren. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) bietet bereits Fortbildungsmaterial an, um Ärzt:innen für einen bedarfsgerechten Einsatz von Labordiagnostik zu sensibilisieren.

Denn, so betonen die Verfasser der Studie: In Zeiten zunehmender finanzieller Engpässe könnte eine gezielte Reduzierung fragwürdiger Untersuchungen dazu beitragen, Ressourcen besser zu nutzen und die Honorarverteilung in der ambulanten Versorgung zu entlasten.

Kernaussagen im Überblick:

  • Studie von TU Berlin, Techniker Krankenkasse (TK) und Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) zu Überversorgung im deutschen Gesundheitssystem.
  • Forderung nach Monitoring und Fortbildungen, um Überversorgung gezielt zu reduzieren.

24 medizinische Leistungen mit fragwürdigem Nutzen identifiziert, darunter:

  • Messung von Schilddrüsenhormonen (fT3/fT4) bei bekannter Schilddrüsenunterfunktion (TSH-Wert wäre ausreichend).
  • Bestimmung von Tumormarkern ohne bestehende Krebsdiagnose (ungeeignet zur allgemeinen Diagnostik).
  • Jährlich 430.000 bis 1,1 Millionen medizinisch fragwürdige Leistungen (4–10,4% der untersuchten Fälle).
  • Vermeidbare Kosten: 10–15,5 Millionen Euro jährlich im ambulanten Sektor der TK.

Empfehlung: Kritischerer Einsatz dieser Leistungen, um Ressourcen in der Gesundheitsversorgung besser zu nutzen.

  • Beispiel Schilddrüsenhormone: 315.622 unnötige Laborkontrollen bei 214.347 Patienten | Vermeidbare Kosten: 2,15 Mio. € jährlich.
  • Beispiel Tumormarker: 50.000–60.000 unnötige Tests pro Jahr | Vermeidbare Kosten: 520.000 € jährlich.
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